Wo-geht-es-denn-hin-so-spät-am-Abend, und ich antworte, kennen wir uns? nein-noch-nicht, aber warum bleibe ich stehen, warum reizt mich das fremde Gesicht, Ähnlichkeit mit einem vergessenen Wunsch, undefinierter, randloser, eingelaufener Wunsch, ich nehme immer das, was mir vorgelegt wird, falsche Perlen, als Sensationsfund gepriesen,
ich-heiße-Oskar, sagt
er und hält mir seine Hand entgegen, ich versuche, einen Namen für mich zu erfinden, erstarrt und erstaunt, Sie-oder-du, fragt er in seinem schönen Mantel und balanciert auf einem teuren Fahrrad, er wäre schnell, wenn ich wegliefe, du-oder-Sie?, er lässt nicht nach, die Ampel längst auf Grün, ich stehe immer noch da und zähle erleuchtete Fenster, sucht er nur ein Gegenüber oder warum gerade ich, nachzeichnen und radieren, bis das Papier reißt, ich bin schon vergeben, schwappt es über meine Lippen, unhöflich und doch gebannt, daran-dachte-ich-gar-nicht, ich wollte es nur klarstellen von Anfang an, und ich nenne noch immer keinen Namen,
Struktur ist ein Attribut des Seins,
sagt man doch, wie soll man sonst ein Orchesterstück spielen, Funktion-ist-ein-Attribut-der-Struktur, sagt er, in den meisten Fällen, erwidere ich, und niemand läuft vorbei, niemand hält an der Ampel, kein Fahrrad, kein Wagen, zwischen Rot und Grün fünf Sekunden Gelb, niemand fährt dazwischen, niemand zwingt mich, ihm einen Schritt näher zu treten,
ich werfe Wort
für Wort über die rechte Schulter, unmögliche Spur durch das Dickicht des Ungewissen, die Raben warten, die Brotkrumen liegen hell auf dem Asphalt, wer schleppt schon Kieselsteine mit sich herum, Perlen vor die Säue, nur im Notfall, aber das ist keine Spur, niemand will einem Verschwender folgen,
jeder Schritt zu-
rück wäre ein Herausreißen, ich will den Fremden nicht verletzen, lieber verlassen werden als selbst zu verlassen so spät am Abend auf stiller Straße, die Ampeln spiegeln sich, machen sich gegenseitig nach, zwanghafte Zwillinge, Klammern und Akkoladen mit mathematischem Zweck, wer bleibt stehen und wer hat zu gehen, ein Tanz auf der Kreuzung, du-oder-Sie?,
er sagt, er
spiele in einem Orchester, sind-Sie-Musiker, frage ich, nein-nein, aber-vielleicht-eines-Tages, ich-habe-einen-Brotberuf, wenn Musik aus Lidschlagen entstünde, wäre jeder Schmetterlingsflug Galeerenarbeit, also wer singt, anstatt zu sprechen,
ich bin stehen
geblieben, gefangen im Netz seiner Blicke, fremder Blick, böser Blick, das kleine Kind folgt jedem, der ihm zuzwinkert, und lächelt, glaubt jedem, der verspricht und nicht hält, aber festhält, das Ärmchen, das Kleidchen, folge niemals einem Fremden, sagte man mir, aber wo fangt das Land der Fremden an, wie klingt die Sprache, die ich nicht lernen darf, wie sieht die Schrift aus, die ich nicht verstehe, lauter Haken, wie Gesten, zusammengezogene Buchstaben, wie die Stirn, die sich in Falten legt, näher rückende Augenbrauen, wer hört da noch ein Wort heraus,
aber der Fremde lächelt, das Kleidchen spiegelt sich in
seinen Augen, er streift es glatt, das ist nichts Böses, ich gehe auf ihn zu und verschiebe gleichzeitig die Grenze, so bleibt alles erlaubt, auch das Streicheln, es ist schön und es tut nicht weh, vielleicht ist er wie ich, er sah es an meinem leicht gesenkten Kinn, an meinen Daumen, die ich in den Fäusten verstecke, weil nicht das Schöne zählt, sondern das Schwache, das ist die wahre Trophäe, wer würde sonst dem Guten entgegentreten, vielleicht fehlt gerade ein wenig Gift, ein wenig Schatten, auch jetzt, in der Nacht, der verlockende, unbekannte Weg, Furcht und Neugier teilen ein Bett, er hält seine Hand aus, ich gebe ihm meine,
und lauf, lauf, es wird nicht gut enden, wo fängt das Unheil
an, wo schlägt die Farbe um, Lackmustest für das Böse, oder ist nicht jede Verführung böse?, einer weiß immer weniger als der andere, komm-zu-mir, ich-will-dir-etwas-zeigen, man denkt an den Ausweg, den der Fremde kennen mag, an Schlüssel und Lösung, die man noch nicht gefunden hat, an das Lied, das er summt,
ich strecke die Hand aus und er legt alles in meine
Hand, Messer und Waffe und Strick, alles, wovor ich mich fürchte, er lenkt meinen Blick in die andere Richtung, zum Hohlspiegel an der Kreuzung, ich sehe mich, ich sehe meinen Blick, wie er auf mich zurückfällt, mit aller Macht, umgeschlagen, die Farbe des Guten, des Schwachen, mit seinem Filtergewissen,
das Gute frisst sich durch Ja und Nein hindurch, es ver-
klumpt, es verstopft Weg und Gang, verhärtet alles, was lebt, und zerreißt, bevor es nachgibt, stirbt, bevor es verzeiht, auch das Böse ist nichts, wenn es unter seinesgleichen ist, ohne den Spiegel, es ist nur ein Rest, Kehricht und Überbleibsel, Nachhut, König im Niemandsland, ohne einen einzigen Fremden, weit und breit nur Vertraute, die ihm zurufen, ihn bejubeln und sagen, alles sei gut –